Die Herausforderung Mobbing im 21. Jahrhundert zu definieren

Von: Dr. Justin Patchin

Es brauchte einige Generationen und viel zu viele tragische Schilderungen von leidenden Teenagern, aber ich glaube, dass man sagen kann, dass die Gesellschaft endlich zu der Erkenntnis gekommen ist, dass Mobbing ein Problem darstellt, das unsere Zeit, Aufmerksamkeit und Reaktion verlangt. In letzter Zeit hört man immer seltener, dass Mobbing so etwas wie ein „Übergangsritus in das Erwachsenenalter“ oder ein anderweitig gerechtfertigter Teil jugendlichen Lebens ist, auch wenn diese Erklärungsversuche in den vergangenen Jahren oft zu hören waren.

Doch obwohl unsere Gesellschaft große Fortschritte bei der Aufklärung über die möglichen Folgen von Mobbing gemacht hat, war es schwer für uns, klar abzugrenzen, was Mobbing ist. Ist es zum Beispiel schon Mobbing, wenn ich dich ein Mal beleidige und dann nie wieder? Was ist, wenn ich online eine Beleidigung für andere einsehbar poste und sie mit allen anderen Social Media teile? Oder wenn dein bester Freund bzw. deine beste Freundin dich auf die gleiche Art beleidigt, aber ihr beide darüber nur lacht? In beiden Fällen ist das Verhalten genau das gleiche. Aber ist das Mobbing?

Wie bei anderen amorphen Konzepten könnte man auch hier argumentieren, dass Mobbing leicht zu definieren ist, denn „wir erkennen es, wenn wir es sehen“. Und oft ist Mobbing leicht zu erkennen. Aber diese Betrachtungsweise trägt wenig dazu bei, um überhaupt erst zu verhindern, dass solch ein Verhalten vorkommt. Und es muss von der Schulleitung, dem Gesetzgeber und den politischen Entscheidungsträgern klar definiert werden, und zwar in einer für die Betroffenen verständlichen Weise und derart, dass es auf Grundlage gesetzlich verankerter Bestimmungen verboten werden kann. Aber genau darin liegt das Problem: jeder Mensch empfindet Mobbing anders. Es trifft immer häufiger zu, dass Technik zu einem Hilfsinstrument von Peinigern geworden ist.

Mobbing und andere schädliche Verhaltensweisen: Die Bedeutung von Wiederholung und Absicht

Am Cyberbullying Research Center definieren wir Cyber-Mobbing als „einen vorsätzlich und wiederholt zugefügten Schaden durch den Einsatz von Computern, Mobiltelefonen oder anderen elektronischen Geräten“. Diese Definition gründet auf und enthält Elemente von bereits seit langem bestehenden Definitionen von traditionellem Mobbing. Die Rede ist von Verhaltensweisen, die vorsätzlich und über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden und Leid verursachen (oder mit hoher Wahrscheinlichkeit Schaden zur Folge haben).

Obwohl diese Definition bestimmte Formen zwischenmenschlicher Verletzungen gegenüber Gleichaltrigen auszuschließen scheint, z.B. versehentliche Vorfälle oder Einzelfälle, hilft es uns, Mobbing von anderen verletzenden Verhaltensweisen zu unterscheiden. Schließlich können wir nicht jedes Problem zwischen Gleichaltrigen als „Mobbing“ bezeichnen. Hinzu kommt, dass der Begriff „Mobbing“ Dinge konnotiert, bestimmte formelle Handlungen von Schulen erfordern kann, und daher nur verwendet werden sollte, wenn es angemessen ist.

Die beiden Elemente, die Mobbing von anderen verletzenden Verhaltensweisen am deutlichsten abgrenzen, sind „Wiederholung“ und „Absicht“ (und manchmal gehen diese Hand in Hand). Ein Beispiel, ich stoße versehentlich mit jemanden auf dem Flur zusammen, dann würde fast jeder zustimmen, dass das kein Mobbing ist (auch wenn man sich ernsthaft verletzt). Gleiches gilt, wenn ich jemandem ein Mal einen Schlag auf die Nase verpasst habe, was ich noch nie zuvor getan habe und nie wieder tun werde – auch das kann man nicht als Mobbing bezeichnen. (Es könnte als Körperverletzung eingestuft werden und ich würde wahrscheinlich bestraft werden, aber es ist kein Mobbing.) Mobbing ist eine spezielle und einzigartige Form verletzenden Verhaltens, insofern dass es beim Opfer eine fast ständige Sorge hervorruft, dass weitere Angriffe bevorstehen. Dies geschieht nicht ohne Wiederholung oder zumindest nicht ohne die explizite Gefahr einer Wiederholung.

Manche haben argumentiert, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich sei, sich in die Gedanken eines Jugendlichen hineinzuversetzen und seine Absichten festzustellen. Eine Möglichkeit ist, abzuwarten was passiert, nachdemein Teenager mit seinem verletzenden Verhalten konfrontiert wurde. Wenn sich dieses Verhaltensmuster fortsetzt, auch nachdem deutlich gemacht wurde, dass dieses Verhalten verletzend war, dann ist es klar, dass der Angreifer beabsichtigt, Leid zu verursachen. Das heißt, dass eine Wiederholung nicht automatisch auf ein Mobbing-Verhalten hinweist. Ich könnte mehrmals jemandem etwas antun oder sagen, aber solange ich es nicht mit der Absicht tue, um die Person zu verletzen, oder in der Kenntnis, dass es verletzend ist, ist es kein Mobbing. Wiederholung und Absicht müssen gemeinsam auftreten, damit ein Verhalten als Mobbing bezeichnet werden kann.

Wurde Ihr Kind schon einmal gemobbt?

Es ließe sich auch argumentieren, dass es im Auge des Betrachters liegt, ob etwas wirklich als Mobbing anzusehen ist oder nicht. Wenn du das Gefühl hast, gemobbt zu werden, dann ist es Mobbing – so einfach ist das. Aber wir können uns nicht auf subjektive Meinungen allein verlassen. Verschiedene Menschen werden von verschiedenen Erfahrungen beeinflusst. Ob etwas verletzend ist, kann von Person zu Person variieren; ob es sich um Mobbing handelt, muss anhand einiger objektiver Kriterien beurteilt werden.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind (oder ein Schüler oder Freund) online oder offline gemobbt wird, finden Sie hier ein paar Fragen, die helfen können, die Situation zu erörtern:

  1. Wie lange dauert dieses Verhalten schon an? Wie häufig kommt es zu bösartigen Handlungen?
  2. Hat das Opfer der Person zu verstehen gegeben, dass ihr Verhalten verletzend oder zu stoppen ist? Würde ein vernünftiger Mensch glauben, dass diese Verhaltensweisen verletzend sind?
  3. Hat das Opfer gemeine Dinge erwidert?
  4. Glaubt das Opfer, dass die gemeinen Dinge getan oder gesagt werden, um wirklich zu versuchen, ihre Gefühle zu verletzen?

Es ist wichtig festzuhalten, dass, nur weil das Opfer dem Mobber nicht ausdrücklich sagt, damit aufzuhören, das nicht bedeutet, dass es sich nicht um Mobbing handelt. Wenn es aber die Aufforderung gab, damit aufzuhören, dann ist es schon deutlicher, dass der Mobber bewusst versucht, das Opfer zu verletzen. Viele Jugendliche reagieren fast instinktiv in ähnlicher Weise auf Mobbing und führen gegen die mobbende Person eine Gegenattacke aus (sie sagen und tun ihrerseits verletzende Dinge). Das ist jedoch keine gute Idee, da es eher wie ein Kampf oder Streit unter Gleichen statt Mobbing aussehen kann. Es kann außerdem schwierig werden, zu beweisen, wer damit angefangen hat. Dennoch, nur weil ein Opfer sich nicht rächt, heißt das nicht, dass es sich bei dem Vorfall nicht um Mobbing handelt. Es bedarf weiterer Informationen, um genau festzustellen, wie der Vorfall begann, und wer was und wann getan hat.

Mobbing ist heute eine allzu gewöhnliche Erfahrung für junge Menschen. Es kann vor allem dort geschehen, wo sie zusammenkommen, Schulhöfe und soziale Netzwerke eingeschlossen. Eltern, Pädagogen und andere Erwachsene, die mit Jugendlichen arbeiten, sollten Wert auf eine offene Kommunikation mit Kindern legen, so dass diese sich sicher fühlen, Probleme mit ihren Altersgenossen (online oder offline) anzusprechen. Hoffentlich werden Erwachsene dadurch in die Lage versetzt, so zu intervenieren, dass das Mobbing aufhört, bevor sich eine weitere tragische Geschichte ereignet.

Hier finden Sie einige Warnzeichen, die anzeigen könnten, ob Ihr Kind Opfer von Cyber-Mobbing ist.

Dr. Justin Patchin

Dr. Patchin ist Mitgeschäftsführer des Forschungszentrums für Cyber-Mobbing, Top-Autor und Forscher über die Verflechtung von Teenagern und Technik, mit besonderem Fokus auf Cyber-Mobbing, Social Networking und Sexting. Er ist der renommierte Autor (gemeinsam mit Sameer Hinduja) hinter „Words Wound: Delete Cyberbullying and Make Kindness Go Viral“, geschrieben für Teenager, und „Bullying Beyond the Schoolyard: Preventing Weiterlesen ...